Die heilige Roswitha – Dichterin und Glaubensfrau von Gandersheim
Bei Roswitha wird das Buch selbst zum Heiligenattribut. Die Roswitha von Gandersheim zugeschriebene Tradition führt nicht zu einer Märtyrerlegende oder einem spektakulären Wunder, sondern in die Welt mittelalterlicher Bildung. Im 10. Jahrhundert verfasste Hrotsvitha in Gandersheim lateinische Legenden, Dramen und historische Dichtungen. Heute gilt sie als eine der frühesten bedeutenden Schriftstellerinnen Europas und als erste deutsche Dichterin, von der ein umfangreicheres Werk erhalten geblieben ist.
Wer war die heilige Roswitha?
Roswitha von Gandersheim – in den Quellen Hrotsvitha oder Hrotsvit – wurde vermutlich um 935 bis 938 geboren. Sie stammte wahrscheinlich aus dem sächsischen Adel und kam als junge Frau in das hoch angesehene Frauenstift Gandersheim im heutigen Bad Gandersheim in Niedersachsen.
Gandersheim war im 10. Jahrhundert kein abgeschiedener Ort ohne Verbindung zur Außenwelt. Das Reichsstift stand in enger Beziehung zur ottonischen Herrscherfamilie und bot seinen Stiftsdamen Zugang zu außergewöhnlicher Bildung.
Roswitha erhielt dort eine Ausbildung, die es ihr ermöglichte, selbst anspruchsvolle Werke in lateinischer Sprache zu verfassen. Gerade für eine Frau des 10. Jahrhunderts war das außergewöhnlich.
Roswitha als Stiftsdame
Roswitha wird häufig vereinfacht als Nonne bezeichnet. Genauer war sie Angehörige des Frauenstifts Gandersheim und damit Kanonissin beziehungsweise Stiftsdame.
Die Frauen eines solchen Stifts lebten in einer religiösen Gemeinschaft, ihre Lebensform unterschied sich jedoch in mehreren Punkten von der späteren streng abgeschlossenen Klostertradition.
Für die Darstellung einer Roswitha-Figur ist deshalb besonders das Gewand einer Kanonissin beziehungsweise einer religiösen Frau des Mittelalters charakteristisch.
Die erste deutsche Dichterin
Roswithas besondere historische Bedeutung liegt in ihrem literarischen Werk.
Nach der Mitte des 10. Jahrhunderts entstanden mehrere Heiligenlegenden, Dramen und historische Dichtungen. Sie schrieb auf Latein und setzte sich dabei mit religiösen Stoffen ebenso auseinander wie mit der Geschichte ihrer eigenen Zeit.
Besonders bemerkenswert sind ihre sechs Dramen. Damit schuf Roswitha einige der frühesten bekannten dramatischen Texte des europäischen Mittelalters. Ihre Stücke greifen christliche Glaubensgeschichten auf und stellen immer wieder Frauen in den Mittelpunkt, die trotz Druck und Bedrohung an ihren Überzeugungen festhalten.
Aufgrund ihres überlieferten Werks gilt Hrotsvitha als erste bedeutende deutsche Dichterin und als eine der frühesten namentlich bekannten Schriftstellerinnen Europas nach der Antike.
Warum schrieb Roswitha Dramen?
Roswitha kannte die lateinische Literatur und setzte sich insbesondere mit antiken literarischen Formen auseinander.
Ihre Dramen verwendeten diese Formen jedoch für christliche Inhalte. Statt antike Stoffe einfach zu übernehmen, erzählte sie Geschichten von Glauben, Umkehr und Standhaftigkeit.
Dabei treten bemerkenswert häufig starke weibliche Figuren auf.
Zu ihren bekannten Werken gehören Dramen über Agape, Chionia und Irene sowie über andere Gestalten der christlichen Überlieferung.
Roswitha und die ottonischen Kaiser
Roswitha lebte in einer Zeit, in der die Ottonen das ostfränkisch-deutsche Reich prägten.
Ihre Äbtissin Gerberga gehörte selbst zur ottonischen Herrscherfamilie. Roswitha verfasste zudem ein historisches Werk über Kaiser Otto I. den Großen.
Damit war sie nicht nur Autorin religiöser Texte. Ihre Werke sind zugleich eine wichtige Stimme aus dem politischen und kulturellen Umfeld des 10. Jahrhunderts.
Diese Verbindung zwischen Frauenstift, Bildung und Kaiserhof macht Gandersheim zu einem außergewöhnlichen Schauplatz mittelalterlicher Kulturgeschichte.
Warum trägt die heilige Roswitha ein Buch?
Das Buch gehört zu den wichtigsten Attributen Roswithas.
Anders als bei vielen anderen Heiligen erinnert es nicht an eine einzelne Legende, sondern unmittelbar an ihr tatsächliches Lebenswerk: Roswitha war Schriftstellerin.
Ein weiteres charakteristisches Zeichen ist deshalb die Schreibfeder.
Die Darstellung kann außerdem durch ein Kreuz ergänzt werden, das auf ihre religiöse Lebensform und den christlichen Inhalt vieler ihrer Werke verweist. Heilige.de nennt ausdrücklich Kreuz, Buch und Schreibfeder als Attribute ihrer Darstellung.
Buch und Schreibfeder als ungewöhnliche Attribute
Gerade in einer Sammlung von Heiligenfiguren besitzt Roswitha dadurch eine besondere Stellung.
Viele Märtyrerinnen erkennt man an Palme oder Schwert, Äbtissinnen am Stab und Herrscherinnen an Krone oder Kirchenmodell.
Bei Roswitha stehen dagegen Wissen und Schreiben sichtbar im Mittelpunkt.
Das macht eine geschnitzte Roswitha besonders interessant für Menschen, die eine Verbindung zu Literatur, Sprache, Schreiben, Bildung oder Unterricht haben.
Was bedeutet der Name Roswitha?
Der Name Roswitha beziehungsweise Hrotsvitha stammt aus dem Althochdeutschen und wird als „die sehr Ruhmreiche“ beziehungsweise „die Ruhmesstarke“ gedeutet.
Neben Roswitha begegnen historische Schreibweisen wie Hrotsvitha, Hrotsvit oder Hrotsvith.
Für eine deutschsprachige Shopseite würde ich eindeutig Roswitha als Hauptbezeichnung verwenden und Hrotsvitha beziehungsweise Hrotsvit ergänzend nennen.
Was geschah mit Roswithas Werken?
Roswithas Texte gerieten später über längere Zeit weitgehend in Vergessenheit.
Erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurden ihre Handschriften wiederentdeckt. Im Jahr 1501 erschien eine gedruckte Ausgabe ihrer Werke, die mit Illustrationen aus dem Umfeld beziehungsweise der Werkstatt Albrecht Dürers ausgestattet war.
Damit begann eine neue Rezeption Roswithas, die weit über die religiöse Verehrung hinausgeht.
Heute wird sie sowohl in der Kirchengeschichte als auch in Literatur-, Theater- und Frauengeschichte behandelt.
Namenstag der heiligen Roswitha
Der heute verbreitete Gedenk- und Namenstag von Roswitha von Gandersheim ist der 5. September. Sowohl das Ökumenische Heiligenlexikon als auch heilige.de führen diesen Termin.
Ältere Kalender kennen teilweise den 30. März. Für euer Gedenktag-Metafeld würde ich jedoch den heutigen Termin verwenden:
5. September.
Die heilige Roswitha als Holzfigur
Eine Holzfigur der heiligen Roswitha hebt sich durch ihre Attribute deutlich von vielen klassischen Heiligenfiguren ab. Besonders Buch und Schreibfeder verweisen auf ihre Bedeutung als mittelalterliche Autorin.
Je nach Schnitzmodell können Kreuz und religiöses Gewand hinzukommen. Naturbelassene oder gebeizte Fassungen stellen die Schnitzarbeit stärker in den Mittelpunkt, während bei handbemalten Figuren Buch, Feder und Gewand deutlicher hervortreten können.
Eine Roswitha-Figur eignet sich als persönliche Namensfigur zum Namenstag am 5. September, zur Taufe oder Firmung. Durch ihre außergewöhnliche Biografie besitzt sie darüber hinaus einen besonderen Bezug zu Autorinnen, Lehrkräften, Literaturinteressierten und Menschen, die beruflich mit Sprache und Schreiben verbunden sind.